Wirtschaftsforscher Prof. Dr. Friedrich Heinemann referiert im Rathaus Memmingen über den Brexit

8.11.2018 Memmingen. Verschiedene Szenarien für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die ökonomischen Folgen erläuterte Prof. Dr. Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung vor rund 120 Zuhörern im Rathaus.

Als „äußerst kompetenter Experte zu Fragen der Europäischen Union“ wurde Heinemann von Oberbürgermeister Manfred Schilder herzlich begrüßt. Heinemann, der auch an der Universität Heidelberg lehrt, kam bereits zum siebten Mal auf Einladung des Europabüros der Stadt in Zusammenarbeit mit der Deutschlandvertretung der Europäischen Kommission für einen Fachvortrag nach Memmingen.

Das Vortragsthema „Wir hart wird der Brexit?“ ist hochaktuell, konstatierte Heinemann. „Wir sind in den entscheidenden Tagen“, betonte er. Die Verhandlungen und Entscheidungen dieser Wochen seien richtungsweisend für die zukünftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU.

„Der Zeitdruck ist enorm groß“, bekräftige der Wirtschaftsforscher. Am 29. März 2019 wird Großbritannien nach aktuellem Zeitplan aus der EU ausscheiden. Ob bis zu diesem Zeitpunkt ein Austrittsabkommen mit grundlegenden Einigungen in wichtigen Bereichen wie Zoll, Sicherheit oder Aufenthaltsrecht zustande kommt, sei noch nicht sicher, erklärte Heinemann. Bei einem Austritt ohne Abkommen spricht man von einem harten, also einem ungeordneten Brexit.

„Ein harter Brexit ist möglich. Aber ich glaube, dass man in den nächsten Wochen zu einer Einigung kommen wird“, so Heinemanns Einschätzung. Dieses Abkommen müsste dann allerdings noch eine weitere Hürde nehmen und Zustimmung im britischen Parlament finden. „Die Sorge ist groß, dass es gar kein Szenario gibt, das im britischen Parlament konsensfähig ist“, sagte Heinemann mit Blick auf die aktuelle Zerstrittenheit der britischen Politik.

Sollte es zu keinem Abkommen kommen, besteht noch die Möglichkeit zu Einzelabsprachen in vielen wichtigen Bereichen wie zum Beispiel dem Flugverkehr, damit es nach dem 29. März 2019 Flüge zwischen London und den EU-Staaten geben kann. „Die Unsicherheit ist maximal geworden. Und wir werden eine jahrelange Phase der Unsicherheit haben, bis das neue Verhältnis des Königreichs zur EU geklärt ist“, analysierte Heinemann.

Welche politischen Lösungen auch gefunden werden, im wirtschaftlichen Bereich sei der bevorstehende Brexit in Großbritannien schon deutlich zu spüren. Die Wachstumsrate in Großbritannien sei seit dem Brexit-Referendum 2016 gedämpft. Das britische Pfund habe an Wert verloren. Investitionen ausländischer Unternehmen seien um 80 Prozent zurückgegangen und die Londoner Finanzbranche habe bereits rund 1600 Jobs verloren. „Der ökonomische Brexit ist bereits Realität“, erklärte Heinemann.

Der Brexit sei Symptom einer umfassenderen Vertrauenskrise, analysierte Prof. Heinemann. „Immer mehr Länder suchen ihr Heil in nationalen Lösungen.“ Gründe dafür sah der Wirtschaftsforscher in Skepsis gegenüber den Vorteilen offener Grenzen, in einer Entfremdung der (EU-) Politik von Wählern oder auch in abnehmender Qualität von Informationsprozessen im digitalen Zeitalter. „Manche sagen, Großbritannien sollte jetzt gestraft werden für den Brexit. Das halte ich für falsch“, resümierte Heinemann.“ „Jedes Land der EU hat das vertraglich geregelte Recht auf einen Ausstieg. Beide Seiten müssen jetzt daran arbeiten, den Schaden zu begrenzen und möglichst gute Lösungen zu finden.“

Referent Prof. Dr. Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (Foto: Alexandra Wehr/ Pressestelle Stadt Memmingen)

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